Wer regelmäßig Flugzeuge beobachtet oder Transatlantikflüge bucht, könnte den Eindruck bekommen, dass die meisten Maschinen den Atlantik nachts überqueren. Besonders auf Strecken von Nordamerika nach Europa starten viele Flüge am Abend und erreichen ihr Ziel am nächsten Morgen.
Doch die Behauptung, dass Flugzeuge den Atlantik grundsätzlich nicht am Tag überqueren, ist falsch. Transatlantische Flüge finden sehr wohl auch tagsüber statt. Der ungewöhnliche Eindruck entsteht vor allem durch die zeitliche Planung der Fluggesellschaften.
Fliegen tatsächlich Flugzeuge am Tag über den Atlantik?
Ja.
Flightradar24 hat beispielsweise den transatlantischen Flugverkehr über einen kompletten Zeitraum von 24 Stunden dokumentiert. Dabei sind sowohl ostwärts als auch westwärts fliegende Maschinen über dem Nordatlantik zu sehen. Der Flugverkehr verlagert sich im Laufe des Tages lediglich deutlich.
Auch aktuelle Flugpläne zeigen, dass es Tagesflüge von Nordamerika nach Europa gibt. Beispielsweise werden von Boston, New York und Newark Flüge nach London angeboten, die tagsüber starten und am Abend in Europa ankommen.
Die Frage ist also nicht, ob Flugzeuge tagsüber über den Atlantik fliegen. Sie tun es. Interessanter ist vielmehr:
Warum sind so viele Flüge von Nordamerika nach Europa als Nachtflüge geplant?
Der wichtigste Grund: die Zeitverschiebung
Der Atlantik trennt Regionen mit mehreren Stunden Zeitunterschied.
Ein Flug von New York nach London dauert beispielsweise nur einige Stunden. Startet ein Flugzeug am Nachmittag in New York, kann es deshalb trotz der Flugzeit am Abend in London ankommen.
Für viele Reisende ist das nicht besonders attraktiv.
Ein Abendflug funktioniert dagegen anders: Das Flugzeug startet in Nordamerika, während der Passagier noch wach ist, anschließend kann er während des Fluges schlafen und kommt am nächsten Morgen nach Ortszeit in Europa an.
So beginnt der Reisetag am Zielort relativ früh.
Die Fluggesellschaften planen nicht einfach nach Sonnenaufgang und Sonnenuntergang
Für Airlines ist entscheidend, wann ein Flugzeug am Ziel ankommt.
Ein Flugzeug ist ein sehr teures Transportmittel, das möglichst sinnvoll eingesetzt werden soll. Ein Flugplan muss deshalb nicht nur die Flugzeit berücksichtigen, sondern auch Anschlussflüge, verfügbare Start- und Landerechte, die Nachfrage der Passagiere und die Betriebszeiten der Flughäfen.
Genau deshalb werden Transatlantikflüge häufig in bestimmten zeitlichen „Wellen“ geplant.
Warum Nachtflüge nach Europa für Passagiere praktisch sind
Ein typisches Beispiel ist eine Verbindung von New York nach London.
Bei einem Abendflug können Passagiere nach dem Start essen, schlafen und am nächsten Morgen in London landen. Anschließend stehen ihnen viele Stunden des Tages zur Verfügung.
Das ist besonders interessant für Geschäftsreisende, aber auch für Urlauber.
Ein Tagesflug mit Start am frühen Morgen würde dagegen erst am Abend in Europa ankommen. Der erste Tag am Zielort wäre dadurch fast vorbei.
Auch Anschlussflüge spielen eine wichtige Rolle
Große europäische Flughäfen wie London-Heathrow, Frankfurt, Amsterdam oder Paris dienen als wichtige Umsteigepunkte.
Airlines versuchen deshalb, Flüge so zu planen, dass Passagiere nach der Ankunft möglichst viele Anschlussmöglichkeiten haben.
Ein Flugzeug, das beispielsweise früh am Morgen in Europa landet, kann Passagiere anschließend auf zahlreiche weitere Ziele verteilen.
Das macht die typische Nachtflug-Struktur für das gesamte Netzwerk sinnvoll.
Und dann gibt es noch den Jetstream
Ein weiterer Faktor ist die Höhenwindströmung, insbesondere der Jetstream.
Über dem Nordatlantik verlaufen starke West-Ost-Winde in großer Höhe. Transatlantische Fluggesellschaften berücksichtigen diese Winde bei der Planung ihrer Routen.
Die North Atlantic Tracks – organisierte Flugrouten über dem Atlantik – werden regelmäßig an die Wetterbedingungen und insbesondere an die Lage des Jetstreams angepasst.
Flugzeuge, die von Nordamerika nach Europa fliegen, können auf geeigneten Routen von Rückenwind profitieren. In der Gegenrichtung müssen Maschinen häufig stärker gegen die vorherrschenden Winde ankämpfen.
Das beeinflusst Flugzeit, Treibstoffverbrauch und Routenwahl.
Der Flugverkehr über dem Atlantik folgt einem regelrechten Rhythmus
Der transatlantische Verkehr ist keineswegs zufällig verteilt.
Flightradar24 hat bei einer Analyse von mehr als 2.400 Flügen über dem Nordatlantik innerhalb eines Tages beobachtet, dass der ostwärts gerichtete Flugverkehr vor Mitternacht UTC deutlich zunimmt und bis zum frühen Morgen anhält. Danach verschiebt sich der Schwerpunkt zunehmend auf westwärts fliegende Maschinen.
Das erklärt, warum auf Flugkarten zu bestimmten Uhrzeiten eine große Zahl von Flugzeugen in dieselbe Richtung unterwegs ist.
Warum sieht man also so wenige Transatlantikflüge am Tag?
Hier spielt auch unsere Wahrnehmung eine Rolle.
Wer beispielsweise von Europa nach Nordamerika reist, nimmt einen Tagesflug häufig ganz selbstverständlich wahr. Das Flugzeug startet am späten Vormittag oder Nachmittag, überquert den Atlantik und erreicht Nordamerika am Nachmittag oder Abend Ortszeit.
Die Rückreise von Nordamerika nach Europa wird dagegen häufig als Nachtflug durchgeführt.
Dadurch entsteht leicht der Eindruck, dass „Europa-Flüge“ grundsätzlich nachts über den Atlantik fliegen. Tatsächlich hängt die Flugzeit aber stark von Richtung und Abflugort ab.
Westwärts und ostwärts ist nicht dasselbe
Ein wichtiger Unterschied besteht zwischen den beiden Flugrichtungen.
Nordamerika → Europa
Viele dieser Flüge starten abends und landen am nächsten Morgen. Der Grund ist vor allem die Zeitverschiebung in Verbindung mit Passagiernachfrage, Anschlussmöglichkeiten und Flugplanoptimierung.
Europa → Nordamerika
Viele Flüge starten tagsüber. Passagiere fliegen während des Tages und kommen am Nachmittag oder frühen Abend in Nordamerika an.
Diese gegensätzlichen Muster sind einer der Hauptgründe dafür, dass der Transatlantikverkehr auf Karten manchmal wie ein nächtlicher „Strom“ von Flugzeugen wirkt.
Gibt es auch direkte Tagesflüge von den USA nach Europa?
Ja.
Aktuelle Flugpläne zeigen beispielsweise Tagesverbindungen aus Boston sowie aus dem Raum New York nach London. Diese Flüge sind ein deutlicher Beweis dafür, dass eine Überquerung des Atlantiks am Tag keineswegs ungewöhnlich oder unmöglich ist.
Auch bestimmte saisonale Verbindungen können je nach Flugplan zu Tageszeiten über den Atlantik führen.
Warum fliegen nicht einfach alle Maschinen am Tag?
Weil der Flugplan dann weniger gut auf die Nachfrage und die weltweiten Anschlussverbindungen abgestimmt wäre.
Eine Airline muss unter anderem überlegen:
Wann soll das Flugzeug abfliegen?
Wann soll es am Ziel landen?
Welche Anschlussflüge können die Passagiere erreichen?
Wann darf der Flughafen benutzt werden?
Wie lässt sich das Flugzeug nach der Landung erneut einsetzen?
Die Antwort auf diese Fragen führt bei vielen Transatlantikverbindungen automatisch zu den bekannten Abend- und Nachtabflügen.
Es geht also nicht um die Sicherheit
Eine besonders verbreitete Fehlinterpretation wäre, dass Fluggesellschaften den Atlantik nachts überqueren, weil das Fliegen am Tag dort gefährlich sei.
Dafür gibt es keinen solchen allgemeinen Grund.
Transatlantikflugzeuge sind darauf ausgelegt, zu jeder Tages- und Nachtzeit zu fliegen. Die Tatsache, dass bestimmte Verbindungen bevorzugt nachts stattfinden, ist in erster Linie eine Frage von Flugplan, Zeitverschiebung, Nachfrage, Netzwerkplanung und Wetter beziehungsweise Windbedingungen.
Warum gibt es über dem Atlantik besondere Flugrouten?
Der Nordatlantik besitzt keine festen Straßen wie eine Autobahn. Stattdessen werden sogenannte North Atlantic Tracks genutzt.
Diese Routen werden regelmäßig an die meteorologischen Bedingungen angepasst, damit der Flugverkehr effizient und sicher organisiert werden kann. Die Position der Tracks verändert sich unter anderem entsprechend der Jetstream-Lage.
Dadurch kann dieselbe Transatlantikstrecke an unterschiedlichen Tagen leicht anders verlaufen.
Fazit
Die Behauptung „Flugzeuge überqueren den Atlantik nicht am Tag“ stimmt nicht.
Es gibt zahlreiche Transatlantikflüge während des Tages. Auffällig ist lediglich, dass ein großer Teil der Flüge von Nordamerika nach Europa abends startet und nachts unterwegs ist. Dahinter steckt vor allem eine Kombination aus Zeitverschiebung, Passagierwünschen, Anschlussverbindungen, Flughafenplanung und den vorherrschenden Winden über dem Atlantik.
Wer von Europa nach Nordamerika fliegt, erlebt häufig genau das Gegenteil: Der Flug findet überwiegend am Tag statt und endet am Nachmittag oder Abend.
Der Atlantik wird also nicht deshalb nachts überquert, weil Tagesflüge verboten oder gefährlich wären. Es ist schlicht die effizienteste und für viele Reisende praktischste Planung vieler Flugverbindungen.
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Warum fliegen viele Flugzeuge über den Atlantik nachts? Die überraschende Erklärung
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Fliegen Flugzeuge wirklich nur nachts über den Atlantik? Nein. Erfahren Sie, warum viele Transatlantikflüge nachts stattfinden und welche Rolle Zeitverschiebung, Jetstream und Flugpläne spielen.